Alle Jahre wieder…

Schwungvoll wollte sie die schweren Vorhänge  vor den Schlafzimmerfenstern aufziehen, um die leuchtende Herbstsonne herein zu lassen, als sie aus dem Bett ein klägliches „Bitte nicht, das blendet “ hörte. Sie sah nur einen zerzausten Lockenkopf, das Gesicht verbarg sich stöhnend unter der Bettdecke. „Guten Morgen. Du Armer, du lässt mal wieder  gar nichts aus“, antwortete sie mit leiser Stimme. „Ich dachte, es ginge dir heute besser.“
„Nein, es geht mir schlechter“, kam ein dumpfes Krächzen zurück. „Ich bin krank, richtig krank.“ „Soll ich den Arzt anrufen?“ „Meinst du?“ kam es zögernd  unter der Bettdecke hervor. „Ich habe eine furchtbare Grippe und dazu eine entsetzliche Migräne.  Lass mich einfach in Ruhe.“ „Wenn du morgen nicht wieder gesund bist, brauchst du eine Krankschreibung oder du musst morgen selbst zum Arzt gehen.“ „Das schaff ich nicht, dazu bin ich zu krank. Glaubst du, Doktor Petersen kommt wegen einer Grippe hierher?“ „Klar, über Mittag macht er immer Hausbesuche. Außerdem solltest du dir die Lunge mal abhorchen lassen. Deine Bronchien pfeifen nachts ganze Lieder. Nicht, dass du noch eine Lungenentzündung bekommst und ins Krankenhaus musst.“
Ruckartig setzte er sich auf, schlug die Bettdecke zurück und fasste sich mit einer Hand an den schmerzenden Kopf, mit der anderen deckte er seine Augen zu. „Niemals! Wenn man erst im Krankenhaus ist, kommt man nicht lebend wieder raus.“ Sie musste sich das Lachen verkneifen und setzte sich zu ihm auf die Bettkante.“ Komm mir nicht zu nah, oder willst du dich anstecken?“ „Wenn du dich nicht gegen alles sträuben würdest, ginge es sicher schon viel besser“.  Was von alleine kommt, geht auch alleine weg, war stets seine Devise.
 
Er war ein regelrechtes Ekelpaket, wenn er mal krank war. Er zog sich in sein Bett zurück, warf die Decke über den Kopf und schlief, soviel er konnte.  Alles, was sie zur Linderung seiner Beschwerden in ihrer Hausapotheke hatte, lehnte er rundweg ab. Der Hustentee schmeckte wie Gift und Galle, ätherische Öle und Cremes stanken und überhaupt, das Geschmiere am Körper konnte er gar nicht leiden. Paracetamol gegen Fieber konnte er schon gar nicht schlucken, da die Tablette sich schon im Hals auflöste und sofort einen Brechreiz verursachte. Nur mit allergrößter Mühe war er zu einer Kopfschmerztablette zu bewegen, wenn er Migräne bekam. Die musste dann aber bis in alle Einzelteile aufgelöst werden und mit viel Wasser und einer Grimasse schluckte er das milchige Gebräu.
Es hatte ihn erwischt. Er hustete und schniefte, seine Stimmbänder waren angeschlagen und er hatte Fieber, eine ganz normale Grippe und nicht weiter schlimm. Das Schlimme war nur seine Leidensmiene, sein Gestöhne und die Verweigerung all dessen, was die Symptome lindern und die Genesung beschleunigen könnte. Ihr  sonst so starker Göttergatte hatte sich wieder einmal zu einem fast sterbenden, leidenden Weichei verwandelt, mit der Sturrheit eines Hornochsen und einem jämmerlichen Gesichtsausdruck. „Soll ich hier bleiben? Ich könnte heute Überstunden abbummeln.“ „Von wegen, ich will meine Ruhe haben und niemanden sehen.“ „Mach dir aber bitte was zu essen.“ „Ich habe aber keinen Hunger. Und wenn ich etwas abnehme, macht das nichts. Ich habe sowieso Übergewicht. Außerdem kann ich nicht aufstehen, ich bin zu schwach. Nun geh bitte und mach die einen schönen Tag, stell das Telefon und die Klingel ab, damit mich niemand stört. Ich bin schließlich krank. Und den Doktor brauchst du auch nicht anzurufen. Wer weiß, was der noch an Bazillen hierher schleppt.“
Es war immer dasselbe. Sie kannte das seit Jahren. Die Frage, ob sie zu Hause bleiben sollte, war lediglich eine rhetorische. Sie  wusste, dass er nein sagen würde, aber sie musste ihm das Gefühl geben, mit ihm zu leiden.
Sie würde nach der Arbeit mit ihrer Freundin ins Kino und danach Essen  gehen und erst spät heimkommen. Und sie wusste schon jetzt, was sie erwarten würde. Die üblichen Vorwürfe, warum sie so spät käme, ihn so lange allein gelassen habe, er sei ja schließlich krank, halb verhungert  und hätte sterben können.
Man sagt, eine Grippe kommt drei Tage, bleibt drei Tage und geht drei Tage. Sie waren erst am vierten  Tag angekommen. Noch fünf  Tage, dann hatte sie die berechtigte Hoffnung, dass er sich wieder in ein normales erwachsenes Wesen zurück verwandeln würde.

Vor sich hinsummend ging sie ins Gästezimmer, das für neun Tage ihr eigenes kleines Reich war, ohne Schnarchen und Ohropax, Stöhnen und Schniefen, öffnete das Fenster und sog die kühle Morgenluft ein. Sie freute sich auf einen unbeschwerten Abend.

 

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