Ein Start - vier Stories

Ihr Blick fiel auf den Kalender, der aufgeschlagen vor ihr auf dem Schreibtisch lag.
Unter dem Datum des nächsten Tages war ein dickes rotes Kreuz…..

Sie konnte dieses Datum  nicht länger ignorieren. Morgen würden sie Bilanz ziehen und es gab nur ein entweder – oder.
Sie schaute zum Fenster hinaus. Ein heftiger Oktoberwind fegte unerbittlich die letzten gelben, roten und dunkelbraunen  Blätter von den Bäumen, und  als wollten sie sich mit letzter Kraft gegen ihr Schicksal  wehren, flatterten sie aufgeregt durch die  Luft, um dann resigniert  auf den feuchten Asphalt zu fallen.
Ihre Gedanken wanderten drei Monate zurück…..
Sie spürte noch die Wärme des lauen Sommerabends, als sei es erst gestern gewesen.
Stefan hatte ihr am Ende dieses Abends, an dem sie wieder unerbittlich gestritten hatten, an den Kopf geknallt, dass er ausziehen würde. Er brauche Abstand, er müsse zu sich selber finden und mit sich ins Reine kommen, ob er diese Beziehung noch wolle oder nicht.
Sie hatte keine Chance  ihre Sicht der Dinge zu erklären. Er ging ins Schlafzimmer, packte einen Koffer und eine Reisetasche und verabschiedete sich mit den Worten: „Bitte, lass mich in Ruhe. Lass uns ein Date ausmachen. Was hälst du vom einunddreißigsten Oktober um neunzehn Uhr in dem Restaurant, in dem alles angefangen hat?“
Aus feuchten Augen blickte sie ihn an und nickte nur. Dann nahm sie einen roten Stift und markierte dieses Datum in ihrem Kalender.

Nachdem die Tür ins Schloss gefallen war, begann sie hemmungslos zu weinen und betäubte sich mit einer Flasche schweren Rotweins.
Am nächsten Morgen meldete sie sich krank, am übernächsten Tag auch und als die Tränenspuren aus ihrem Gesicht verschwunden und der Rest geschickt überschminkt war, ging sie wieder arbeiten. Nichts war mehr so, wie es mal war. Ohne Stefan fühlte sie sich wie amputiert, nur minder lebensfähig. Innerhalb einer Woche nahm sie drei Kilo ab, sah blass und gespenstisch aus und als sie eines Morgens kritisch in den Spiegel blickte, glaubte sie nicht mehr daran, dass es ihr Gesicht war, das ihr entgegenblickte.
„Jetzt reicht es!“  warf sie ihrem Spiegelbild zornig entgegen. „Kein Mann ist es wert, dass man seinetwegen vor die Hunde geht.“
Nach einem langen heißen Bad durchsuchte sie ihren Kleiderschrank so lange, bis sie das gefunden hatte, was sie suchte. Ein Paar Joggingschuhe und einen Jogginganzug.
Schon nach wenigen Metern kam sie aus der Puste. Kein Wunder, wie lange hatte sie nichts mehr für ihre Kondition getan?
Erschöpft, aber mit einem klaren Kopf, kam sie nach Hause, frühstückte nach dem Duschen das erste Mal ausgiebig nach Stefans Auszug und fühlte eine neu erwachende  Energie in sich.
Sie hatte jeden Abend einen Brief an Stefan geschrieben, sich in jedem dieser Briefe die Schuld am momentanen Zustand ihrer Beziehung gegeben und sich ganz klein gemacht. Da sie nicht wusste, wo Stefan war, konnte sie ihm die Briefe auch nicht schicken.
Kurzerhand zerriss sie jeden Brief in klitzekleine Schnipsel  und warf sie in den Papierkorb.
Mit jedem Tag ging es ihr besser. Das Leben ohne Stefan hatte durchaus seine positiven Seiten. Sie konnte kommen und gehen, wann sie wollte, ohne umständliche Erklärungen. Sie konnte tun und lassen, wonach ihr der Sinn stand. Keine Kompromisse mehr, kein Streit darum, wer für was zuständig ist, keine Diskussionen mehr um das Fernsehprogramm.
Viele hatten sie damals vor einer Beziehung mit Stefan gewarnt. Wer Stefan und sie  länger kannte und wusste, wie grundverschieden beide waren, konnte nur von dieser Beziehung abraten. Aber, wer lässt sich schon gern die rosarote Brille abnehmen?
Sie waren verliebt, sie turtelten, so oft und so innig sie konnten und als Stefan eines Tages mit einem Koffer und einer Reisetasche  vor ihrer Wohnungstür stand, hatte sie das Gefühl, den begehrtesten Junggesellen der Stadt wie einen Sechser im Lotto gewonnen zu haben.
Es war das verflixte vierte Jahr, in dem alles schief lief. Die Schmetterlinge im Bauch waren verflogen, der Alltag verlief in routinierten Bahnen und nichts mehr in ihrer Beziehung knisterte. Nach und nach bekamen sie sich wegen Kleinigkeiten in die Haare und Stefan entzog sich ihr immer mehr. Sie tat alles, um ihn zu halten. Dabei merkte sie nicht, wie klein sie sich gemacht hatte. Was war aus der hübschen, selbstbewussten Frau geworden? Ein verhärmtes Etwas, dass sich nur noch auf den Partner konzentrierte und ihr Licht systematisch immer mehr unter den Scheffel stellte.
Je mehr Abstand sie von ihm bekam, desto mehr wurde sie sie selbst und nahm sich wieder wahr. Sie ließ sich die langen Haare kurz schneiden, ging einmal pro Woche zur Kosmetik und betrieb diszipliniert mehrere Stunden Ausgleichssport in der Woche. Ihr Körper hatte eine straffe Form bekommen und mit ihrem Gewicht war sie auch wieder zufrieden.

Morgen war es nun soweit. Prüfend betrachtete sie die zwei mittelgroßen Kartons, in denen sie Stefans persönliche Sachen verstaut hatte. Es würde eine reine Formsache werden und kein entweder – oder. Sie hatte sich entschieden, in dem Moment, in dem sie seine persönlichen Habseligkeiten zusammen gesucht hatte Sie hatte sich die Worte genau überlegt und eingeprägt:  „Tausche deine restlichen Dinge gegen meinen Wohnungsschlüssel.“ Und dann würde sie lächelnd und aufrechten Ganges das Restaurant verlassen und ein weiteres Kapitel in ihrem Leben abgeschlossen  haben.

 

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