Claras kleines Familienunternehmen (3)

Teenies

Andreas ging nervös vor dem breiten Wohnzimmerfenster auf und ab. Es herrschte ein nervenzerreißendes Schweigen. Clara blätterte rein mechanisch in ihrer  Frauenzeitschrift.
„Wo bleibt sie nur?“ platzte Andreas in die Stille. „Ich weiß es nicht“, herrschte Clara ihn an.
Lena hätte bereits um neun Uhr zu Hause sein müssen. Mittlerweile war es fast zehn Uhr und draußen tobte ein mächtiger Herbststurm. Sie war zur Geburtstagsfeier ihrer Freundin Julia eingeladen worden, in einem Bootshaus am See. Andreas und Clara kannten Julia gut und Lena war immer pünktlich, wenn sie irgendwohin ging. Und wenn es doch mal ein paar Minuten später wurde, rief Lena an.  Was sprach also dagegen, sie zu der Party zu lassen? Darüber hinaus hatte Julias Mutter  versprochen, Lena gegen neun nach Hause zu bringen.
Alle paar Minuten nach neun Uhr hatte Andreas Lenas Handy angerufen, vergebens.  Dreimal hatte er auf die Mailbox gesprochen, sie möge sich melden. Nichts.  Bei Julia zu Hause meldete sich auch niemand. Vielleicht war Julias Mutter im Stau stecken geblieben? Oder hatte sie einen Unfall gehabt? Clara schossen alle Eventualitäten durch den Kopf, aber sie teilte sich Andreas nicht mit.  Ihr Nacken und ihr Rücken begannen zu schmerzen. Sie legte die Hände flach auf den Bauch und atmete tief durch die Nase ein und mit einem ffffffff durch die geöffneten Lippen wieder aus. ‚Alles wird sich aufklären, alles wird gut’, versuchte sie sich beruhigen.
Wenn sie gewusst hätten, wo dieses verflixte Bootshaus lag, wären sie schon längst dort hingefahren. In ihrer näheren Umgebung gab es mehrere Seen und mehrere Bootshäuser.
Wo also mit der Suche anfangen? Und wenn Lena nach Hause käme, wäre keiner da. Tobias übernachtete bei Paul und den Dackeln. Das Chaos wäre nahezu perfekt.
Andreas platzte mitten in ihr nicht überhörbares fffffffff. „Ich fahre jetzt zur Polizei und gebe eine Vermisstenanzeige auf.“  „Komm, setz dich zu mir. Die Polizei wird dich nach Hause schicken, eine Anzeige kannst du erst nach vierundzwanzig Stunden aufgeben, vorher unternehmen die nichts.“ „Denen werde ich schon Beine machen. Unsere Tochter ist schließlich immer pünktlich und wenn sie eine Stunde zu spät ist, dann muss was passiert sein. Worauf sollen wir  noch warten?“ Das Wort MUSS betonter er in einer so eigenartigen Weise, dass sich Clara fast der Magen umdrehte.  Und schlagartig fielen ihr die vielen Zeitungsberichte und Fernsehmeldungen ein, wenn Kinder plötzlich verschwanden.
„Hattest du in den letzten Tagen Streit mit Lena?“ fragte sie Andreas unvermittelt. „Nicht mehr als sonst, wenn sie ihre pubertierenden Anfälle bekommt.“ Seine blauen Augen funkelten sie plötzlich bedrohlich an. „Was willst du mir damit sagen? Dass sie weggelaufen ist, weil ich nicht immer das Verständnis für sie habe wie du es hast?“ „Quatsch!“ zischte Clara zurück, „Davon ist doch gar keine Rede.“ Andreas schien sich zu erinnern. „Ja, gestern habe ich sie vielleicht zu hart rangenommen, als ich die verkorkste Englischarbeit unterschrieben habe. Dazu habe ich ihr schon ein paar Takte gesagt, denn sie hatte sich offenbar nicht darauf vorbereitet. Aber deshalb…“ Clara unterbrach ihn. „Englisch ist einfach nicht ihr Ding. Und da ist es doch nichts Außergewöhnliches, wenn mal eine Arbeit daneben geht.“ „Ja, du hast Recht. Ich glaube auch nicht, dass sie weggelaufen ist. Aber wo bleibt sie dann?“ Er wischte sich den Schweiß von der Stirn. „ Ich gehe mal auf die Straße und laufe ein paar Schritte, das Rumsitzen und Warten  macht mich ganz nervös.“
Sobald Andreas das Haus verlassen hatte, ging Clara an das Barfach im Wohnzimmerschrank und goss sich einen doppelten Weinbrand ein. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Immer wieder fiel ihr Blick auf das schnurlose Telefon auf dem Wohnzimmertisch.  Es gab keinen Laut von sich.
Der Regen hatte aufgehört und der Sturm hatte sich ein wenig gelegt. Die Möglichkeit, dass Lena sich irgendwo untergestellt hatte, verwarf Clara sofort wieder. Im Auto saß man ja trocken. Nun begann auch sie herumzulaufen. Hatte Lena eigentlich Geld für ein Taxi, falls Julias Mutter eine Autopanne hatte? Lena hatte keine Tasche mit. Ihr Handy hatte sie in die Brusttasche ihrer schwarzen Jeansjacke gesteckt.

Clara machte sich insgeheim Vorwürfe, Lena in letzter Zeit vernachlässigt zu haben. Und wieder schob sie das auf ihre berufliche Tätigkeit zurück. Sie hatte mehr Zeit für ihre Kinder, als sie noch zu Hause war. Bisher hatte sie die Gradwanderung zwischen Kinder behüten und Kinder loslassen  für sich noch nicht befriedigend geschafft.  Mitten in ihre Überlegungen schrillte das Telefon. Erschrocken und wie hypnotisiert starrte sie darauf, bis sie in der Lage war, das kleine schwarze Teil in die Hand zu nehmen und den Gesprächsknopf zu drücken. „Schneider“ sagte sie leise in den Hörer. „Mami, ich bin’s, tut mir Leid…“ „Lena, Gott sei Dank, wo steckst du?“ unterbrach Clara ihre Tochter. „Könnt ihr mich bitte vom Krankenhaus abholen? Ich habe kein Geld dabei.“ Clara stockte der Atem. Lena lebte, ob mit einem oder zwei Gipsarmen oder Gipsbeinen, das war jetzt ganz egal. „Geht es dir gut?“ „Ja, Mama, ich bin okay. Bitte beeilt euch. Ich habe einen Riesenhunger.“ „Warte auf uns, wir sind in zehn Minuten da.“
Clara schnappte sich eine Jacke, ihre Handtasche und den Autoschlüssel, streifte sich ein paar Schuhe an und verließ eilig das Haus. „Andreas, komm, wir müssen zum Krankenhaus“, rief sie in die Dunkelheit.  Als sie das Garagentor aufmachte, kam er angerannt. „Wieso zum Krankenhaus? Was ist passiert?“ „Keine Ahnung. Unser Kind hat Hunger und erwartet uns.“
Ungeachtet möglicher Radarkontrollen raste Andreas durch die Stadt und hielt mit quietschenden Reifen vor der Rettungsstelle.

Erleichtert schlossen Andreas und Clara Lena in die Arme, nachdem sie sich vergewissert hatten, dass an ihrem Kind nichts eingegipst oder abhanden gekommen war. „Eine mutige Tochter haben Sie“ bemerkte die diensthabende Schwester im Vorbeigehen und zwinkerte Lena zu.
Glücklich sein Kind unversehrt wieder zu haben, lud Andreas seine Familie in eine nahe gelegene Pizzeria ein. Und dort erzählte Lena, was sie in den letzten eineinhalb Stunden erlebt hatte. Sie saß im Auto von Julias hochschwangerer Mutter, als die das Auto rechts ran fuhr und lautstark zu stöhnen begann. Die Fruchtblase war geplatzt und das Baby hatte es scheinbar recht eilig, das Licht der Welt zu erblicken. Lena rief die Feuerwehr an und durfte im Krankenwagen mit zum  Krankenhaus fahren. Nach diesem Anruf war der Akku leer, das Handy stürzte ab und Lena war so von den Vorgängen um sie herum eingenommen, dass ihre Eltern und mögliche Sorgen gar nicht mehr bis in ihr Bewußtsein drangen.  Als der Krankenwagen die Rettungsstelle erreichte, war das Baby bereits da.

„Ich glaube, ich möchte mal Krankenschwester werden, aber Kinder bekommen möchte ich nicht, das muss ja die Hölle sein“, bemerkte sie zwinkernd zwischen einem Bissen Pizza Cappriciosa und einem Schluck Fanta.

 

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