Der Rosenstrauß

Ihr neues Buch nahm sie so gefangen, dass sie das Öffnen der Haustür überhörte. Erst als sich ein großer Strauß roter Rosen in der Wohnzimmertür zeigte und im Hintergrund Norberts graue Schläfen sichtbar wurden, blickte sie erschrocken auf. „Tut mir Leid, Schatz, dass es wieder später geworden ist.“ Der duftende Rosenstrauß näherte sich dem Sofa. Norbert gab ihr einen innigen Begrüßungskuss, so dass ihr Ärger über das verkochte Essen für einen kurzen Moment dahinschwand wie ein Schmetterling.
Sie ließ sich ihre Unruhe nicht anmerken, als sie die Blumen anschnitt und in eine schlanke Kristallvase stellte. Fieberhaft überlegte sie, wann er ihr das letzte Mal Blumen geschenkt hatte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, es musste eine Ewigkeit her sein. Hatte er ein schlechtes Gewissen? Ihre Ängste nahmen wieder erbarmungslos Besitz von ihr.
Während Norbert duschte, wärmte sie die Lasagne auf, schmeckte den Salat erneut ab, dessen  einst knackige grüne Blätter ein wenig blass dahingewelkt waren. Sie hatte sich mit dem Essen solche Mühe gegeben und nun das! Sie wischte sich über die tränennassen Augen und starrte immer wieder auf den Rosenstrauß, der den Esstisch schmückte. Er musste ein Vermögen gekostet haben!
Es passierte so häufig in den letzten Wochen, dass er spät nach Hause kam. Und irgendwann hatten sich Zweifel eingeschlichen, ob er tatsächlich so viele Überstunden machen musste, wie er vorgab. Selbst am Samstag und am Sonntag fuhr er für mehrere Stunden ins Büro. Sie begann, nach Zeichen seiner Untreue zu suchen. Nicht, dass sie ihm hinterher spionierte, nein, sie war  aufmerksam. Sie fand keinen Lippenstift an seinem Hemdkragen, keine verfängliche Hotelrechnung in seiner Jackentasche, es kamen auch keine Anrufe, bei denen sich jemand verwählt hatte. Keine Indizien,  nichts, nur das flaue Gefühl in der Magengegend, dass es möglicherweise eine andere gab, mit der er hin und wieder ein Schäferstündchen verbrachte.
Während sie auf ihn wartete, blickte sie an sich hinunter. Mit ihrem dicken Bauch wirkte  sie sicher alles andere als erotisch auf ihn. In vier Wochen erwarteten sie ihr erstes Kind und sie freuten sich darauf. Sie hatten die Hoffnung auf ein eigenes Kind fast schon aufgegeben und sich um eine Adoption bemüht. Als der Druck nachgelassen hatte, war Sabine doch noch schwanger geworden und ihrem Glück schien nichts mehr im Wege zu stehen. Bisher war die Schwangerschaft unproblematisch verlaufen und das Baby entwickelte sich prächtig.
Norbert kam in seinem blauen Bademantel aus dem Bad und setzte sich an den Tisch.
„Na, wie war dein Tag?“ Das war die Frage, die er ihr jeden Abend stellte, seitdem sie im Mutterschutz und den ganzen Tag daheim war. Vielleicht war das die Crux. Sie hatte plötzlich unendlich viel Zeit, sich auf ihr Kind vorzubereiten, aber auch Zeit, um  nachzudenken. Vorher hatte sie nie an seiner Treue gezweifelt, aber nun stellte sie alles in Frage, was ihre bisherige Beziehung ausmachte.
Nach dem Essen legte sie sich gemütlich auf die Couch, um ihren schmerzenden Rücken zu entlasten. Norbert verschwand  in seinem Arbeitszimmer und kehrte kurz darauf  zurück, eine Hand hinter dem Rücken versteckt. Er setzte sich zu ihr auf die Couch und sah sie liebevoll an. „Wir haben was zu feiern“, setzte er feierlich an „und das habe ich in erster Linie deiner Geduld zu verdanken.“ Sie schaute ihn aus großen Augen an. „Du weißt, ich habe immer davon geträumt, mich selbständig zu machen. In letzter Zeit habe ich gearbeitet wie ein Verrückter, Überstunden ohne Ende gemacht und du hast das alles mitgetragen, ohne einen Vorwurf. Dafür liebe ich dich noch mehr und bin dir unendlich dankbar. Bei all dem hatte ich ein Ziel, nämlich einen großartigen Auftrag an Land zu ziehen und mich endlich selbständig  machen  zu können.  Und heute ist mein Traum wahr geworden. Es ist alles unter Dach und Fach.“  Sie schluckte und eine Welle der Erleichterung durchströmte sie. Alle Ängste lösten sich wie Nebelschwaden auf. Und bevor sie etwas sagen und ihm gratulieren konnte, zog er einen Prospekt hinter dem Rücken hervor. „Bevor unser Kind auf die Welt kommt, gönnen wir zwei uns noch einmal zwei Wochen Urlaub in einem Luxushotel in Dänemark, nur wir zwei.  Was sagst du nun?“ Sie konnte gar nichts sagen, sie schaute von ihm zu den Rosen auf den Tisch, dann auf den Hotelprospekt, schlang die Arme um seinen Hals und ließ ihren  Freudentränen  freien Lauf.

 

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