Vor dem Spiegel

Es war eine schlaflose Nacht. Die unterschiedlichsten Gedanken im Kopf, nicht zu Ende gedacht, sondern immer weiter geführt, in Details zerlegt und andere Richtungen eingeschlagen, abgewogen und verworfen, ließen es nicht zu, den so nötigen erholsamen Schlaf zu finden.
Immer wieder fiel der Blick auf die Ziffern des Weckers. Noch vier, noch drei, zwei Stunden, dann würde der Wecker unmissverständlich der Nacht ein Ende setzen.

Fröhliche Morgenmusik und ein zum Plaudern aufgelegter Radiomoderator setzten dem Halbschaf ein Ende. Weggeblasen waren die Gedanken der Nacht und das Hineinfinden in den neuen Tag setzte ein wenig mühsam ein.

Das Gesicht, das aus dem Spiegel auf sein Ebenbild vor dem Spiegel  blickte, zeigte deutlich die Spuren der schlaflosen Nacht. Dunkle Augenringe, herabhängende Lider, Falten um die Mundwinkel und wirres Haar.  Auch der Schwall kaltes Wasser, ins müde Gesicht geklatscht, veränderte nichts. Alt sieht es aus – sehr alt!
Ein genauerer Blick auf das Gesicht im Spiegel ließ die Gedanken abschweifen.

Es war noch nicht lange her, da strahlte dieses Gesicht Erfolg und Überlegenheit aus. Wache, strahlende Augen zeugten von Abenteuerlust und Risikobereitschaft. Der Blick war nach vorn gerichtet – einen Blick nach hinten auf das ‚Gestern’ gab es nicht. Nur das ‚Morgen’ zählte!
Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem die Überprüfung stattfand und mit der Feststellung endete, dass anvertraute Gelder in die eigene Tasche geflossen waren. Das aufgebaute Kartenhaus brach zusammen. Das Leben nahm eine unangenehme Wendung und änderte sich grundlegend.

Das Geräusch eines sich drehenden Schlüssels im Schloss beendete die Gedanken, führte zurück in die Realität und machte bewusst, dass die persönliche Freiheit im Moment nur sehr eingeschränkt ausgelebt werden konnte und an die Weisungen anderer gebunden war.
Der Duft von Kaffee und frischen Brötchen hielt Einzug in den Raum, durch dessen Fenster die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne auf den Boden fielen und ein seltsam gestreiftes Muster zeichneten.
Es verging nur wenig Zeit bis zum erneuten Öffnen der Tür. Jetzt begann ein neuer Arbeitstag, der sich erheblich von denen der Vergangenheit unterschied und dessen Entlohnung nur bescheidene Einkäufe zuließ.
Die Stunden dieses Tages vergingen, unterbrochen durch das Mittagessen, einem kurzen Spaziergang und weiteren Arbeitsaufträgen, bis sie schließlich wieder in einer einsamen, schlaflosen Nacht endeten.

Während der nächsten Jahre war eine Änderung dieser Lebensumstände unwahrscheinlich, aber es würde ein Tag kommen, an dem sich das große Tor der Justizvollzugsanstalt hinter ihm schließen würde und er zurückkehren konnte – in eine Welt, die ebenso wie er älter geworden war, ihn in ihrer Anonymität auffing und eine zweite Chance bot.

 

© copyright by LiteraTussis
  • Digg
  • del.icio.us
  • Google
  • MisterWong.DE
  • Technorati
  • Webnews.de
  • Yigg

Comments

Haben Sie eine Anmerkung?





  • Findewörter



  • Neueste Beiträge

  • Letzte Kommentare