Claras kleines Familienunternehmen (4)

Julia.
Clara legte den Hörer auf. Ihr mütterlicher Instinkt ließ alle Alarmglocken anschlagen. Sie nahm die Thermoskanne, goss sich eine Tasse Kaffee ein und setzte sich ins Wohnzimmer. Immer, wenn sie angestrengt nachdachte, bildete sich eine längliche Kerbe zwischen ihren fein geschwungenen Augenbrauen besonders prägnant aus.
Ihre Älteste hatte sich telefonisch fürs Wochenende angekündigt. Sie wollte am nächsten Abend mit dem Zug anreisen. Clara freute sich zwar, aber sie war auch beunruhigt. Julia war der Kopfmensch in der Familie. Schon als Kind war sie introvertiert, legte bei einer Entscheidung alles Für und Wider auf eine Waageschale, bis sie nach intensiven Überlegungen eine Entscheidung fällte. Und wenn es nur darum ging, welches Kleid ihre Puppe bei einem Spaziergang tragen sollte. Alles war bei Julia wohlüberlegt, peinlichst genau durchdacht und abgewogen und eine einmal gefällte Entscheidung hatte Hand und Fuß. Spontane Entscheidungen aus dem Bauch heraus gab es bei Julia nicht. Daher war Clara verwundert, dass sich Julia so mir nichts, dir nichts, von heute auf morgen angekündigt hatte. Das entsprach nicht ihrem Naturell. Irgend etwas war da im Busch.
Clara schaffte es, die Bedenken erst einmal beiseite zu schieben und gab der Freude über Julias bevorstehenden Besuch mehr Raum. Ihre Älteste studierte im vierten Semester Mathematik und Latein und wollte Lehrerin werden, eine Fächerkombination, die zu Julia passte und ihr nach dem Referendariat sicher auch zu einer Anstellung verhelfen würde.

Julias Zug traf am nächsten Abend pünktlich auf dem Berliner Hauptbahnhof ein. Zur Feier des Tages durfte Julia sich aussuchen, wo die Familie essen ging. Clara und Andreas fühlten sich in der von Julia auserwählten Studentenkneipe zwar wie ein paar ausgediente Oldies, Lena fand es voll cool und Tobias war es egal, Hauptsache, es bekam genug zu essen. Die Lautstärke in der Kneipe mit Live-Musik erstickte jedes familiäre Gespräch im Keim, wenn man nicht am nächsten Tag mit Stimmbandverknotungen aufstehen wollte, aber zum Reden war ja zu Hause noch genügend Zeit. Clara betrachtete ihre Älteste zwar unauffällig, aber mit den Augen einer Mutter doch sehr intensiv. Sie war schmal geworden und hatte Ringe unter den Augen, aber ihre blauen Augen hatten einen so verträumten Glanz, der nur eine Schlussfolgerung zuließ – Julia war verliebt. Andreas schien davon nichts mitzubekommen, denn immer wieder brüllte er etwas über den Tisch in Julias Richtung, was aber in der südamerikanischen Musik und deren hitzigem Temperament völlig unterging.

Nachdem Lena und Tobias sich in ihre Zimmer zurückgezogen hatten, gingen Clara und Andreas mit Julia bei einer Flasche Wein zum gemütlichen Teil des Abends über. Aber wie es so Julias kopfbetonte Art war, kam sie gleich zur Sache. „Ich muss mit euch reden. Ich werde mein Studium an den Nagel hängen.“ Andreas fand als erster seine Sprache wieder. „Was meinst du damit, an den Nagel hängen? Willst du ein weiteres Fach dazu nehmen oder die Fächer wechseln? Oder etwa ganz….nein, Julia, mit einem Abiturdurchschnitt von eins hängt man nicht einfach ein Studium an den Nagel!“ Julia schaute ihn direkt an. „Ich habe gerade ein Praktikum an einer Realschule absolviert und bin zu der Ansicht gekommen, dass ich mich als Lehrerin nicht eigne. Dieser Beruf ist der blanke Horror!“ „Es ist noch gar nicht so lange her, dass du selbst die Schulbank gedrückt hast und da hast du ganz anders geredet“, nahm Andreas den Faden wieder auf. „Ja, ich weiß“, erwiderte Julia ruhig, „aber meine Meinung hat sich eben geändert. Von der anderen Seite betrachtet, sieht doch vieles ganz anders aus.“ Clara hatte sich bis dahin zurück gehalten und ihre Älteste beobachtet. „Julia, was ist der wirkliche Grund?“ Julia warf ihr einen Blick zu, als habe man sie auf frischer Tat bei etwas Unrechtem ertappt. Sie drehte eine Weile stumm das Weinglas zwischen ihren Händen akkurat im Uhrzeigersinn, schaute Clara fest in die Augen und antwortete leise „Ich habe mich verliebt und kann mich im Moment nicht auf mein Studium konzentrieren.“
„Auch das noch“! war Andreas’ einzige Reaktion, die von einem tiefen Stoßseufzer begleitet wurde. Clara, die neben ihm saß, schlug ihr Knie fast unmerklich gegen seines und er hatte verstanden. Das war jetzt etwas, dass nur Mutter und Tochter aufrollen konnten, wobei er sich als Mann besser raushielt. Er leerte sein Weinglas und schenkte sich sofort nach, betrachtete dabei den rubinroten Wein in seinem Glas, als wolle er sich darin auflösen.
„Aber das eine schließt das andere doch nicht aus“, warf Clara vorsichtig ein. „dein Vater und ich haben uns auch an der Uni kennengelernt, uns ineinander verliebt und trotzdem unser Studium beendet, nicht wahr Andreas?“ „Hmmm“, war Andreas’ einzige Reaktion, mit Blick auf das Weinglas und Clara deutete sie als uneingeschränkte Zustimmung.
„Die Sache ist aber ein wenig komplizierter als bei euch damals. Stefan ist Archäologe und hat im kommenden Semester einen Forschungssemester in Libyen. Und ich werde ihn begleiten. Und er ..“ Julia schien es schwer zu fallen, den Satz zu Ende zu bringen. „Und was?“ bohrte Clara. „Er ist verheiratet und ist vor einem halben Jahr Vater geworden.“
Nur das Ticken der Standuhr war zu hören, gleichmäßig laut und beharrlich.
Andreas schluckte, holte tief Luft und platzte ohne Umschweife raus „ Und sicher hat er dir die Ohren vollgejammert, wie unglücklich er in seiner Ehe ist, dass seine Frau ihn nicht versteht und im Bett schon lange nichts mehr lauft. Und du kleines Dummchen fällst darauf rein. Nein Julia, das ist nicht dein Ernst, das wirst du sofort beenden.“ Julia starrte ihren Vater entsetzt an, nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Weinglas, kramte in ihrer Handtasche herum, bis sie eine Zigarettenschachtel und ein Feuerzeug herausgefingert hatte und steckte sich eine an. „Seit wann rauchst du denn? Hat der Typ dir das Gehirn komplett vernebelt?“ Andreas verlor zusehends die Fassung, stand auf und ging ruhelos im Zimmer auf und ab.
„Zum ersten Mal im Leben bin ich so richtig verliebt und du machst ein Theater, als hätte ich ein Kapitalverbrechen begangen“, maulte Julia und suchte den Blick ihrer Mutter. „Julia, es geht nicht darum, dass du verliebt bist, sondern, dass du in eine Ehe einbrichst und möglicherweise eine Familie auseinander reißt. Da ist ein Kind und das braucht seinen Vater. Hast du dir das mal überlegt?“ „Ja, natürlich“, erwiderte Julia ein wenig kleinlaut, „und ich muss gestehen, dass mir das auch schwer auf der Seele liegt. Aber Stefan ist ein erwachsener Mann und muss selbst wissen, was er tut.“ „Nein, Julia, so einfach ist das nicht!“ Claras Stimme hatte eine unterschwellige Schärfe angenommen, die selbst Andreas dazu brachte, sich wieder hinzusetzen. „Stell dir vor, dein Vater hätte sich verliebt, als du ein Baby warst und uns verlassen, weil er sich mir nichts, dir nichts in eine andere Frau verguckt hat, die ihm das gab, was er zu Hause vielleicht gerade nicht hatte. Aufmerksamkeit, weil ein kleines Kind erst mal im Mittelpunkt einer jungen Familie steht und eine Beziehung arg belasten kann. Oder Ruhe, weil das Kind ihn nachts nicht durchschlafen läßt. Oder Sex, weil die Frau im Moment alles andere im Kopf hat, als mit ihm zu schlafen. Oder..oder..oder. Dieser Mann hat eine Familie und ein Kind, für das er eine Verantwortung trägt. Julia, ich bitte dich inständig, überlege dir genau, dass auch du eine Verantwortung trägst, der du dich nicht entziehen kannst.“
Julia schaute ihre Mutter nachdenklich an. Clara kannte Julia gut genug und wusste, dass sie sich das alles noch einmal reiflich überlegen würde, daher setzte sie nur noch eine Bemerkung hinzu. „Weisst du, lass ihn seinen Libyen Auftrag durchführen und ihn gehen, alleine. Wenn er wiederkommt und immer noch so an dir interessiert ist, kannst du weiter sehen und neu überlegen. Und in der Zwischenzeit hast du ausreichend Zeit zu überlegen, was aus deinem Studium werden soll, was hälst du davon?“
Clare biss sich auf die Innenseite ihrer Wange und versuchte, ihre eigene Nervosität unter Kontrolle zu halten. Am liebsten hätte sie ihrem inneren Impuls nachgegeben und diesen Mistkerl angerufen und ihn zur Schnecke gemacht. Aber das wäre keine Lösung gewesen. Was immer er auch vorhatte, so ohne weiteres würde sie ihm ihre Tochter nicht überlassen und zusehen, wie er ihr das Herz bricht.

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