Freitagsgesichter
An diesem Freitagmorgen hingen die grauen Wolken so schwer und tief vom Himmel, als wollten sie sich auf den Asphalt der Straße legen. Seit zwei Tagen kündigte der Wetterbericht den Wintereinbruch an, mit starken Windböen, Schneefällen und überfrierender Nässe.
Nahmen die Menschen die Warnungen ernst? Es war ein Verkehr wie an jedem Freitagmorgen, nicht mehr und nicht weniger.
Auf dem Weg in die Innenstadt hatte sie an jeder roten Ampel einige Momente Zeit, das Treiben um sich herum genau zu beobachten.
Die Menschen an der Bushaltestelle hatten, trotz unterschiedlicher Ziele, alle die gleiche Erwartung. Alle Blicke gingen in eine Richtung, in die, aus der der Bus kommen würde. Die Hände tief in den Jackentaschen oder in wärmende Handschuhe verpackt, ließ der eine oder andere den Blick gen Himmel wandern. Die ersten Regentropfen klatschten hernieder und wer an einen Regenschirm gedacht hatte, brauchte keine Angst zu haben, nass zu werden. Als sie im Rückspiegel ihres Autos den Bus kommen sah, erhellten sich die Gesichter der Menschen an der Bushaltestelle deutlich.Die bisherige Lethargie wich einem plötzlichen Bewegungsdrang.
An einer anderen Ampel strömten die Menschen mit vollen Taschen und Körben aus einem Supermarkt zur Bushaltestelle oder zum eigenen Auto auf dem Parkplatz. Freitag, der Tag, der das Wochenende einläuten und ein Lächeln auf jedes Gesicht zaubern sollte. Aber nur die Kinder, die mit ihren Schulranzen aus der Schule kamen, waren fröhlich gestimmt. Zwei Tage ausschlafen, keine Hausaufgaben, ein Grund zur Freude! In den Gesichtern der Erwachsenen las sie eher Hektik und Missmut. Das bevorstehende Wochenende war in deren Gesichtsausdrücken noch nicht angekommen. Und wer das Wochenende alleine verbringen musste, war nicht automatisch fröhlich.
An der Ampel vor dem Krankenhaus bot sich ein anderes Bild. Raucher vor der Krankenhaustür, einer sogar mit einem fahrbaren Tropf. Ein perverses Bild, den Kranken im Bademantel und mit Tropf zu beobachten, der mehr an seiner Zigarette als an seinem Leben hing. Ein eifriges Hin- und Herlaufen des weiß gekleideten Krankenhauspersonals von einem Gebäude zum anderen lockerte diesen Anblick etwas auf.
Der Regen wurde stärker. Unter dem Vordach einer Döner-Bude diskutierten zwei abgerissene Gestalten mit glasigen Augen, wild gestikulierend mit ihren Bierflaschen. Das Treiben um sie herum, der Regen, der langsam in dicke Schneeflocken übergeging, schien sie nicht zu interessieren. Menschen, die schon morgens an der Bierflasche hängen, haben die Welt um sich herum meist vergessen.
Je näher sie in die Innenstadt kam, desto dicker wurden die Schneeflocken. Der Himmel schien alle Schleusen geöffnet zu haben. Unwillkürlich musste sie an das Märchen von ‘Frau Holle’ denken. In ihrem Auto saß sie warm und trocken. Die Menschen draußen zogen ihre Hälse immer tiefer in ihre Jacken und Mäntel, ein unangenehmer Wind trieb ihnen die Schneeflocken mitten ins Gesicht. So manche Nase war gerötet und begann zu triefen.
Am Breitscheidplatz waren bereits die ersten Holzbuden aufgebaut. Die Vorbereitungen für die Eröffnung des Weihnachtsmarktes liefen auf Hochtouren. Die Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erhob sich wie ein drohender Zeigefinder in die schneebeladenen Wolken.
Es war fast zehn Uhr morgens und noch immer schwebte ein Hauch von Dämmerung über der Stadt. Es wollte heute gar nicht hell werden.
Erste Lichterketten schmückten den Kurfürstendamm. Weihnachten war nicht mehr weit. Ein Jahr neigte sich dem Ende entgegen und in den Gesichtern der Menschen lebte der Augenblick. Hektik, die letzten Wochenendeinkäufe nach Hause zu bringen, Sehnsucht, an ein warmes trockenes Plätzchen zu gelangen und in Ruhe dem Wochenende entgegen zu blicken, Missmut über das feuchte Wetter, dessen unangenehme Kälte von unten nach oben kroch. Nicht besser sah es auf der Straße aus, ein Auto drängte sich hinter das andere, Radfahrer, die noch schnell bei Rot waghalsig über die Ampel preschten, neben ihr die aufgeregte junge Frau, die ununterbrochen rechts in ihr Handy sprach, mit links das Lenkrad hielt und den Kopf von links nach rechts warf, um den Überblick über den Verkehr zu behalten. Plötzlich kurz vor der großen Kreuzung ein Drängeln nach rechts und links, halb auf den Gehsteig und ein einsetzendes, wütendes Hupkonzert, dass die Sirene des heran kommenden Krankenwagens fast übertönte.
Wieder ein Blick zur Seite. Der linke Nachbar zeigte seinem Vordermann einen Vogel, ihr Hintermann, offenbar sehr in Eile, schaute genervt in seinen Rückspiegel und trommelte nervös auf seinem Lenkrad herum.
Von Ruhe und Gelassenheit keine Spur.
Sie versuchte sich in einen anderen Tag hineinzudenken, in einen warmen Sommertag mit strahlend blauem Himmel, die Cafes am Straßenrand gut besucht mit freundlichen Menschen, die die Sonne und das Verweilen bei einer heißen Tasse genossen. Und plötzlich wurde es ganz hell um sie.
Comments
Haben Sie eine Anmerkung?









