Ein Start - vier Stories

Sie schloss die Wohnungstür auf und erstarrte. Aus dem Wohnzimmer erklang Ravels ‚Bolero’.

Ihr Herz schien für einen Moment auszusetzen, um dann mit der dreifachen Geschwindigkeit  loszuschlagen. Schweißperlen zogen wie ein feiner Film über ihr Gesicht,  sammelten sich und rannen in winzigen Rinnsalen den Hals hinab. Für einen kurzen Moment blickte sie hinter sich in das noch erleuchtete Treppenhaus, dann nach vorn in den dunklen Flur. Noch war es Zeit, die Tür leise wieder zu schließen und die Treppe hinab auf die Straße zu laufen. Und dann? Auf der Straße konnte sie nicht übernachten. Wo sollte sie hin?

Erst gestern war sie in die neue Wohnung eingezogen. Sie hatte nach langen inneren Kämpfen den Mut gefunden, ihr altes Leben in der Stadt am anderen Ende von  Deutschland aufzugeben, alle Brücken abzubrechen und ganz neu anzufangen. Und nun kam sie nach einem langen Nachmittag, den sie in diversen Amtsstuben verbracht hatte, in ihre eigenen vier Wände und musste feststellen, dass sie nicht alleine war.

Sie musste der Sache auf den Grund gehen. Wer wagte es, in ihr kleines Reich einzudringen, ihre ureigene Intimsphäre zu stören und ihre kleine Welt sofort wieder auf den Kopf zu stellen?
So leise sie konnte, schloss sie die Eingangstür, legte ihre Tasche neben sich auf einen Umzugskarton, fingerte das Pfefferspray aus dem vorderen Taschenfach und zog die Schuhe aus. Auf Socken pirschte sie sich durch den Flur bis zum Rahmen der Badezimmertür und lauschte. Aus dem Wohnzimmer erklang nichts als der bedrohliche ‚Bolero’, kein weiterer Laut war zu hören.

Schräg gegenüber vom  Badezimmer lag die Küche. Die Küchentür stand offen. Wenn sie es schaffte, in die Küche zu gelangen, konnte sie einen direkten Blick ins Wohnzimmer werfen.
Bevor sie den entscheidenden Schritt über den Flur zur Küche wagte, wischte sie sich den Schweiß mit dem Ärmel ihres Sweatshirts  aus dem Gesicht. Leise wie eine Katze setzte sie zum Sprung in die Küche an.
Ihre Augen gewöhnten sich langsam an die Dunkelheit. Hinter zwei übereinander gestapelten Kartons versteckte sie sich. Fieberhaft überlegte sie, wie die Umzugsleute die Möbel hingestellt hatten und wo die Kartons aufgestapelt waren. Ihr Blick fiel auf die Balkontür und das große Wohnzimmerfenster. Aber es fiel kaum Licht ins Wohnzimmer. Der Himmel war voller Wolken und die Fenster auf der gegenüberliegenden Straßenseite waren, bis auf zwei Ausnahmen, dunkel.
Vor dem Fenster erkannte sie die Silhouette der Ledercouch, rechts davon stand ein einzelner Sessel. Dort konnte sie niemanden erkennen. Der Fremde musste sich auf der Seite aufhalten, zu der ihr die Sicht verwehrt war. Von dort kam auch die Musik. Sie hörte für einen kurzen Moment auf, um dann erbarmungslos von neuem zu beginnen.
Sie wusste zwar, dass ihre Anlage in einem Fach des wuchtigen Wohnzimmerschrankes stand, aber ebenso genau war sie sich bewusst, dass sie die Anlage noch nicht angeschlossen hatte.
Sie war am gestrigen Abend so erschöpft gewesen, dass sie lediglich ihr Bett bezogen und einen Wecker auf den Nachttisch gestellt hatte. Waschzeug, Kosmetikartikel und frische Kleidung hatte sie in einer Reisetasche für den ersten Tag zurecht gelegt. Alles andere konnte bis morgen warten.

Die Angst schnürte ihr die Kehle zu.Sie fühlte sich wie ein Tiger im Käfig, unfähig einen Schritt vor oder zurück zu machen. Das Pfefferspray in ihrer Hand kam ihr vor wie ein Witzartikel aus einem Kaugummiautomaten. Was konnte sie damit schon ausrichten?
Ein Profi würde darüber nur mitleidig lächeln.
Die Situation war nicht einschätzbar. Ein Einbrecher konnte bei ihr nichts holen. Dazu hätte er schon ihre Umzugskartons auspacken müssen. Und alles Wichtige hatte sie bei sich in ihrer Handtasche gehabt.

Ihr Mann? Wollte er ihr einen Denkzettel verpassen, nachdem sie den Umzug heimlich organisiert, sein Konto geplündert und seine dreitägige Geschäftsreise zum Auszug genutzt hatte? So schnell konnte er sie nicht ausfindig gemacht haben. Er würde erst einmal in einen Schockzustand verfallen, wenn er erkannte, dass sie ihn in ihrem gemeinsamen Haus nur mit dem Nötigsten zurückgelassen hatte.

Der Unbekannte musste im Wohnzimmer sein und sie würde warten. Ihm direkt in die Arme zu laufen, wäre zu gefährlich, darauf schien er zu warten. Sie blieb, wo sie war, bereit alles zu tun, um ihr Revier bis aufs Messer zu verteidigen. Messer? Fieberhaft überlegte sie, wo sie ihre großen Küchenmesser hingepackt hatte, verwarf aber den Gedanken sogleich wieder.
Der Bolero war wieder einmal zu Ende und – das durfte doch nicht wahr sein – fing sogleich wieder von vorne an. Außer der Musik war nichts aus dem Wohnzimmer zu hören.
Die Zeit kam ihr vor wie die Ewigkeit. Es gab nichts an ihrem Körper, was nicht schmerzte. Sie war diese ungewohnte Stellung in der Hocke nicht gewöhnt. Die Oberschenkel waren eingeschlafen und der Druck auf die Blase wurde unerträglich. Tränen der Verzweiflung traten ihr in die Augen. Wie konnte sie nur so töricht sein, in die Wohnung zu gehen, anstatt sofort zur nächsten Polizeiwache zu laufen? Nun war sie gefangen.

Hinter sich hörte sie ein Geräusch, ein kurzes, kaum wahrnehmbares Klirren. Das Blut gefror ihr in den Adern, als sie von hinten etwas Metallenes um ihren Hals spürte. Je mehr ihr Hals zugedrückt wurde, desto deutlicher quollen ihr die Augen aus den Höhlen. Sie zappelte mit Armen und Beinen, versuchte mit den Händen nach der Kette um ihren Hals zu greifen. Sie versuchte zu atmen, aber ihre Luftröhre war zugeschnürrt.Ein Schlag auf den Hinterkopf raubte ihr das letzte bisschen Bewusstsein. Ein gleißendes Licht blitzte für einen kurzen Moment auf, dann versank alles um sie herum in ein tiefes Schwarz.
Sie griff sich an den Hals, sog die Luft scharf ein und riss die Augen auf. Ihr Körper war  in Schweiß getränkt,  ihr Mund war pelzig und völlig ausgetrocknet. Sie fingerte in der Dunkelheit auf dem Nachttisch nach der Flasche Mineralwasser.

Würden diese Albträume denn nie aufhören?

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