Ein Start - vier Stories
Sie schloss die Wohnungstür auf und erstarrte. Aus dem Wohnzimmer erklang Ravels ‚Bolero’…
dessen immer wiederkehrende Grundmelodie sich bereits zum fast jazzartigen Ende hin gesteigert hatte. Ihre Wohnung war erfüllt vom hämmernden Rhythmus, vom Klang der einzelnen Instrumente, die sich zum Finale hin gegenseitig anzufeuern schienen.
Sie blieb im Flur stehen, hielt für einige Sekunden den Atem an und überlegte.
Wer war während ihrer Abwesenheit in ihre Wohnung eingedrungen und sorgte gerade im Moment ihrer Rückkehr mit dieser Musik für deutlich spürbares Herzklopfen.
Vorsichtig warf sie einen Blick in das Wohnzimmer. Auf dem kleinen Tisch vor dem Sofa standen unzählige Teelichter und sorgten für eine fast feierliche Atmosphäre in dem ansonsten dunklen Zimmer. Sie betrat das Zimmer und schaltete den CD-Player ab. Das Zimmer, eben noch angefüllt mit tanzenden Tönen, versank in einer unheimlichen Stille.
Sie lauschte - doch außer dem Ton ihres vor Anspannung laut klopfenden Herzen - konnte sie keine weiteren Geräusche vernehmen.
Obwohl sie noch ihre warme Jacke trug, fröstelte sie. Das beklemmende Gefühl von Erwartungsangst ließ kalte Schauer über ihren Rücken laufen.
Sie ließ sich in den Sessel fallen und betrachtete das Flackern der kleinen Lichter, die nach und nach verloschen.
Es war nicht das erste Mal, das etwas Ungewöhnliches passierte. Über Monate hinweg geschahen Dinge, die sie sich nicht erklären konnte, doch zum ersten Mal war jemand in ihre Wohnung eingedrungen. Sie fühlte ein aufkommendes Gefühl von Unwohlsein beim Gedanken, dass ein ihr Unbekannter ihre Privatsphäre verletzt hatte. Sicher, es war ihr bisher kein materieller Schaden entstanden, aber das Bewusstsein, dass jemand ungehindert bei ihr ein und ausgehen konnte - offensichtlich ihren Tagesablauf bis ins Detail kannte – führte zu einer heftigen Panikattacke.
Sie bemühte sich, die Ereignisse der vergangenen Wochen nochmals zu rekonstruieren.
Da war die Pizzalieferung kurz vor Mitternacht, die sie jedoch als ein Versehen des Lieferservice abgetan hatte. Nur ein paar Tage später lag ein Blumenstrauß mit einer Karte vor ihrer Wohnungstür – „Danke für den bezaubernden Abend“ - Bestimmt hatte jemand die Wohnungstüren verwechselt.
Sie schüttelte den Kopf. Gab es einen Zusammenhang zwischen diesen Ereignissen und den sich häufenden Telefonanrufen, bei denen der Gesprächspartner immer wieder auflegte. Es könnten wirklich Zufälle gewesen sein. Zufälle?
Plötzlich fiel ihr der Handwerker ein, der völlig überraschend vor ihrer Tür stand, sie mit durchdringendem Blick von oben bis unten musterte und die Heizungsventile reparieren wollte. Eine Anfrage beim Vermieter verlief ergebnislos – niemand wusste etwas von beauftragten Handwerkern.
Ihre Gedanken wurden durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Zögerlich meldete sie sich und hörte nur ein leises Atmen. Sie schrie ein unfreundliches „Hallo“ in den Hörer und vernahm daraufhin ein leises Lachen – dann wurde aufgelegt.
Allmählich wurde ihr klar, dass sie in das Visier eines ‚Stalkers’ geraten war. Wer auch immer sich hinter all diesen Vorkommnissen verbarg – diese Person kannte sie ganz genau und wusste, sie in Panik zu versetzen. Was würde wohl noch alles passieren?
Sie konnte das nicht zulassen! Ihre Lebensqualität hatte gelitten, Schlaflosigkeit und Panikattacken quälten sie; ihr Misstrauen gegenüber ihren Mitmenschen wuchs ständig.
Als einzigen Ausweg sah sie einen Wohnungswechsel, in der Hoffnung, dass dies dem unheimlichen Verfolger verborgen blieb.
Gleich morgen würde sie alle dafür notwendigen Schritte unternehmen. Für die erste Zeit wollte sie bei einer Freundin wohnen.
Auf dem Weg zur Hausverwaltung am nächsten Morgen traf sie den Hausmeister der Wohnanlage. Sie grüßte ihn knapp, da er ihr nicht sonderlich sympathisch war. Er trat ihr jedoch in den Weg und versuchte ein Gespräch zu beginnen. „Lassen sie mich in Ruhe!“, brach es aus ihr heraus. „ich ziehe hier so schnell wie möglich aus!“ Der Blick aus ihren Augen spiegelte ihre Angst wider und sie begann zu laufen – nur weg!
Was sie nicht mehr sah. Der Hausmeister nahm ein Handy aus der Tasche, tippte eine Nummer und sagte mit einem breiten Grinsen: „Die Wohnung wird frei! Sie können mir die Vermittlungsprovision überweisen!“
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