Claras kleines Familienunternehmen (5)
Frau Nolte
Es war noch früh am Morgen, als Clara mit roten Wangen und heftig atmend am Gartentor ihres schmucken Einfamilienhauses ankam.
Sie stampfte mehrmals mit den Füßen auf, um das Gemisch von Schnee, Lehm und Laub nicht in den eigenen Garten zu schleppen, klopfte ihre Nordic Walking Stöcke ab und öffnete das Tor.
Dabei fiel ihr Blick auf den Nachbareingang und den Briefkasten, aus dem mehrere Zeitungen und Werbeprospekte heraushingen, als sei der Kasten länger nicht geleert worden. ‘Merkwürdig’, dachte sie, näherte sich dem Hauseingang und stellte das rechte Bein auf die obere Treppenstufe, beugte sich nach vorne, so dass sie im linken durchgestreckten Bein einen Zug spürte. Ihr abschließendes Stretching und die Vorfreude auf einen heißen Kaffee und ein warmes Brötchen ließen den Briefkasten der Nachbarin sofort wieder in Vergessenheit geraten.
Wie erwartet, lag ihre Familie an diesem Sonntagmorgen noch in seligem Schlummer. Clara zählte sich nicht zu den leidenschaftlichen Frühaufstehern, aber am Sonntagmorgen nahm sie sich die Zeit, eine Stunde zu walken. Sie traf im Wald nur wenige Menschen, Jogger, Walker und Herrchen und Frauchen, die bereits mit ihren Hunden unterwegs waren. Nach dieser einen Stunde mit sich alleine in der Natur, umgeben von würziger, frischer Morgenluft, fühlte sie sich wie neu geboren.
Gut gelaunt nahm sie eine heiße Dusche, zog sich ihren Nicki-Hausanzug an, deckte den Tisch und trommelte eine halbe Stunde später ihre Langschläferfamilie zum Frühstück zusammen.
Andreas und Lena waren zu dieser Tageszeit noch nicht ansprechbar, nur Tobias plapperte fröhlich vor sich hin. Seine Vorfreude auf den Welpen beherrschte sein ganzes Denken und Reden.
„Hat Frau Nolte in den letzten Tagen angerufen?“, fragte Clara plötzlich in die Runde.
„Warum fragst du?“, murmelte Andreas, der sich schon in die Sonntagszeitung vertieft hatte.
„Ihr Briefkasten scheint voll zu sein, als hätte sie ihn seit Tagen nicht geleert“.
Andreas blickte Clara an und runzelte die Stirn.
„Das ist in der Tat ungewöhnlich.“
Clara blickte Tobias und Lena an. Lena schüttelte nur den Kopf, ihr Gesicht signalisierte ein deutliches ‘Lasst mich bitte in Ruhe, es ist noch mitten in der Nacht’. Tobias biss kräftig in sein Honigbrötchen und antwortete mampfend „Vielleicht ist sie verreist?“.
„Frau Nolte kann das Haus kaum noch verlassen, das weißt du doch. Und wenn sie weggefahren wäre, hätte sie uns Bescheid gesagt, damit wir einen Blick auf ihr Haus werfen.“
Frau Nolte war eine alte, reizende Dame, weit über achtzig, die seit dem Tod ihres Mannes vor drei Jahren sehr zurückgezogen in ihrem kleinen Häuschen lebte. Einmal in der Woche kam ihr Sohn, kaufte für sie ein und ihre Tochter kam an einem anderen Tag, um das Haus und den Garten zu pflegen.
Den täglichen Weg zum Briefkasten ließ sich Frau Nolte nicht nehmen. Jeden Morgen nahm sie ihren Rollator und schleppte sich bis ans Gartentor, um ihre Tageszeitung aus dem Briefkasten zu nehmen. Die Post brachte der Bote ihr freundlicherweise direkt bis an die Haustür.
Während Clara den Geschirrspüler einräumte, dachte sie wieder an die alte Dame. Vom Küchenfenster aus konnte sie direkt zu Frau Noltes Fenster hinüberblicken. Alles war wie immer, einsam und ruhig.
Die alte Dame konnte sich kaum noch selbst versorgen, weigerte sich jedoch beharrlich, zu ihrem Sohn oder ihrer Tochter zu ziehen. „Drei Generationen unter einem Dach, das geht nicht gut“, hatte sie einmal zu Clara gesagt. „Wenn ich nicht mehr alleine zurecht komme, gehe ich in ein Heim.“
Die Kinder respektierten ihren Willen, glücklich waren sie jedoch nicht. Mit dem Tod ihres Mannes schien auch ein Stück von Frau Nolte gestorben zu sein.
„Andreas, lass uns mal bei Frau Nolte nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Die Sache mit dem Briefkasten lässt mir keine Ruhe“, forderte Clara ihren Mann auf. Andreas war zwar nicht begeistert, seine Zeitungslektüre zu unterbrechen, zog sich seinen Jogginganzug an und folgte Clara zum Nachbargrundstück.
Clara läutete mehrmals an der Haustür, aber drinnen rührte sich nichts. Kein Laut war zu hören.
„Andreas, da stimmt was nicht. Lass und nach hinten gehen und einen Blick durch das Wohnzimmerfenster werfen.“
Ohne eine Antwort abzuwarten, lief Clara durch den Garten zum rückwärtigen Teil des Hauses und presste ihre Hände und ihr Gesicht an die Terrassentür.
„Oh, mein Gott“, entfuhr es ihr.
„Was ist?“, fragte Andreas und versuchte ebenfalls einen Blick ins Innere des Hauses zu erhaschen.
„Sieht aus, als läge jemand neben der Couch.“
„Das sieht nicht nur so aus, das ist auch so“, antwortete Clara mit belegter Stimme und klopfte erneut laut an die Tür. Nichts rührte sich.
„Wir müssen sofort die Kinder von Frau Nolte anrufen“. Andreas setzte bereits zum Rückweg an und Clara folgte ihm.
„Das dauert zu lange, wir sollten die Polizei und einen Krankenwagen rufen und die Kinder danach verständigen.“
Clara zitterten die Hände, als sie die Polizei anrief, einen Rettungswagen anforderte und kurz die nötigen Angaben durchgab. Andreas versuchte gleichzeitig mit seinem Handy Frau Noltes Kinder zu erreichen.
Dann ging alles ganz schnell. Innerhalb weniger Minuten näherten sich mit durchdringendem Sirenengeheul und Blaulicht ein Funk- und ein Rettungswagen. Mit der sonntäglichen Stille am Vormittag war es vorbei. Andreas und Clara empfingen die Beamten, informierten sie über den Sachverhalt und zogen sich nach der Angabe ihrer Personalien in ihr Haus zurück. Mehr konnten sie im Moment nicht tun.
Clara kochte frischen Kaffee und stellte eine Flasche Cognak bereit, denn Frau Noltes Kinder würden bald da sein und sicher noch bei ihnen vorbeikommen. So lange wollte sie sich beschäftigen und mit ihren Gedanken alleine sein. Was war passiert? War Frau Nolte krank oder sogar tot? Warum hatte sie keine Hilfe geholt? Hatten Clara und ihre Familie und auch alle anderen Nachbarn, von denen die meisten gaffend am Fenster oder auf der Straße standen, nicht genügend aufgepasst?
Sie versuchte sich zu erinnern, ob die Zeitungen gestern schon aus dem Briefkasten hingen. Sie war kurz mit dem Auto zum Einkaufen gefahren und in der normalen Samstagshektik, voll mit Plänen für den Tag zurückgekommen. Sie konnte sich nicht erinnern, auf Frau Noltes Briefkasten geachtet zu haben.
„Mama, Mama, da ist so ein schwarzer Wagen gekommen. Was ist das für einer?“, Tobias kam aufgeregt ins Schlafzimmer gelaufen, nahm seine Mutter an die Hand und zog sie die Treppe hinunter zum Küchenfenster. Clara presste erschrocken die Hände vor den Mund. Es war ein Leichenwagen, mit großen goldenen Buchstaben an der Seite ‘In Würde sterben’.
Die Tränen schossen ihr in die Augen und sie zog Tobias vom Küchenfenster weg. Soweit ihre Stimme das zuließ, erklärte sie Tobias, wann ein Leichenwagen nötig war.
Betreten ging Tobias die Treppe hinauf und suchte Zuflucht bei Lena, die still auf ihrem Bett saß und Tobias schützend in die Arme nahm. Beide Kinder waren noch nie mit dem Tod direkt konfrontiert worden.
Andreas saß im Wohnzimmer und blätterte wahllos in einer Zeitschrift. Er war mit seinen Gedanken offensichtlich ganz woanders und schaute sie mit großen Augen an.
„Wir sollten deine und meine Eltern mal wieder besuchen, findest du nicht?“.
„Genau dasselbe wollte ich dir auch gerade vorschlagen“, antwortete Clara unter Tränen. „Wie wäre es mit heute Nachmittag? Wer weiß, wie lange wir sie noch haben.“
Frau Nolte, so berichteten ihre Kinder später, sei an einem Herzschlag gestorben und hatte ein friedliches Lächeln auf den Lippen.
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